9. Workshop der Capella de la Torre - Sommerakademie für alte Musik Michaelstein

Fortuna desperata
Eine Idee der Antike in der Musik der frühen Neuzeit

Die Gestalt der Schicksalsgöttin Fortuna, Abbild des Zufalls, bestimmt in der Römischen Antike, noch über den anthropomorph gedachten olympischen Göttern stehend, menschliches Schicksal.
Ungeachtet der längst abgeschlossenen Christianisierung im westlichen Europa erhält diese Idee in der Renaissance neuen Aufwind: Nun herrscht Fortuna als Dienerin des einen, allmächtigen und allgütigen Gottes in der sublunaren Sphäre über die Menschen, doch nur, soweit diese sich ihm ausliefern.
Ausgehend von einem populären, höchst weltlichen Lied des 15. Jahrhunderts, in dem das unheilvolle Schicksal einer Dame beklagt wird, findet die Melodie Eingang in eine Vielzahl von Kompositionen darunter auch mehrere Messen. Besonders in einer heute in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrten, offenbar vor allem für die Instrumentalmusik kompilierten Handschrift wird sie mit den Cantús firmi über mehrere dezidiert geistliche Texte kombiniert. Das Nebeneinander von Providenz und Kontingenz, also von göttlicher Vorsehung und blindem Zufall, findet so einen eigenen musikalischen Ausdruck.
Im Kurs werden mehrere der einschlägigen Stücke erarbeitet und im Abschlusskonzert präsentiert.